Datensicherheit = Produktionssicherheit

Die ständige Verfügbarkeit von digitalen Informationen ist auch im Produktionsgewerbe entscheidend. Oft finden sich Fertigungsparameter zur Steuerung eines Industrieroboters oder des Fließbandes ausschließlich auf einem Datenträger vor Ort. Wird hier eine Einstellung geändert, ist diese zentral nicht dokumentiert. Wenn aber auf die gespeicherten Daten nicht mehr zugegriffen werden kann, stehen alle Bänder still. Diese Daten können in der Regel schnell und relativ kostengünstig wieder hergestellt werden. Im Gegensatz dazu sind die entstehenden Kosten für einen Produktionsausfall im Normalfall um ein Vielfaches höher. Unternehmen beziffern diese in der Regel in Tausenden von Euro pro Stunde oder sogar pro Minute. Doch auch langfristig können Unternehmen auf die Archivierung angewiesen sein. Entweder, wenn man zu einem späteren Zeitpunkt eine Produktion oder ein Projekt wieder aufgreifen will. Oder um Informationen sicher und langfristig aufzubewahren, die Gewissenhaftigkeit des Unternehmens zu dokumentieren und eventuelle Regressforderungen abzuwehren, die auch noch nach Jahren angemeldet werden können.

Unmittelbar dramatisch und vor allem kostspielig sind Produktionsausfälle durch Datenverlust. Ende März 2008 trat dieser Fall bei einem Markenhersteller von Teigwaren ein. Eine Verpackungsmaschine erkannte beim Hochfahren des Steuerungssystems eine Festplatte nicht mehr. So konnte auf spezifische Parameter für Temperatur, Fertigungsabläufe, die Rezeptdatenverwaltung und Verpackungsformate nicht mehr zugegriffen werden. Ein aktuelles Backup lag nicht vor und auch der Hersteller der Maschine konnte wegen der individuell veränderten Produktionsparameter nicht helfen. Als einzige Chance blieb eine professionelle Datenrettung. Da es sich um einen Hardware-Defekt handelte, musste die fehlerhafte Festplatte ausgebaut und in das Datenrettungslabor gesendet werden. Insgesamt 40 MB Daten aus über 3.500 Dateien konnten wiederhergestellt werden, während nur 1,7 MB Informationen definitiv verloren gingen. Innerhalb von 24 Stunden konnte wieder produziert werden.

Möglichkeiten der Daten-Re-Produktion

Ein solcher Fall ist niemals auszuschließen. Zu unterschiedlich sind die Ursachen eines vermeintlichen Datenverlustes. In mehr als der Hälfte der Fälle sind Hardwareausfälle die Ursache. Auch bei robusten Festplatten, die in Produktionsumgebungen hohen Belastungen ausgesetzt sind, steigt mit der Lebensdauer die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls. Im Beispiel waren ein hörbarer Lagerschaden des Datenträgers und defekte Schreib-/Leseköpfe die Ursache. Hier zerstörte der Kopf die digitalen Informationen durch Zerkratzen der Oberfläche unwiederbringlich. In solchen Fällen ist sofortige Hilfe nötig. Doch auch nicht ganz so gefährliche Fälle wie eine Beschädigung des Hardware-Controllers führen dazu, dass auf Daten nicht mehr zugegriffen werden kann. Auch Feuchtigkeit kann im Produktionsalltag zu Korrosion von Festplattenbestandteilen und dadurch zum Datenverlust führen. Die zweitwichtigste Fehlerursache sind Software-Bedienungsfehler, die die logischen Verzeichnisstrukturen beschädigen können. Dann finden die zentralen Verzeichnisdateien eines Datenträgers die Daten nicht mehr.

In bis zu 80 Prozent der Fälle ist der Datenverlust aber nur ein vermeintlicher. Daten werden bei herkömmlichen Festplatten durch die elektromagnetische Polung der einzelnen Sektoren als kleinster Speichereinheit abgelegt. Ein defektes Festplattenteil ändert an dieser Dateninformation zuerst nichts. Auch ein Löschen oder Neuformatieren eines Datenträgers gibt nur bisher belegte Sektoren zur Überschreibung frei. Solange dies nicht geschieht, sind die Informationen nur unsichtbar, nicht aber verloren. Erst eine Umpolung etwa durch Überschreiben, Zerstörung der Sektoren, feuerbedingte Hitzeentwicklung über 700 Grad oder eine absichtliche Entmagnetisierung führen zur endgültigen Veränderung oder Aufhebung der Polung und zum endgültigen Datenverlust.

Datenrettungsexperten haben deshalb in aller Regel eine realistische Chance zur Wiederherstellung, sofern sie nur schnell zur Hilfe gerufen werden. Häufig ist sogar über eine geschützte Internet-Verbindung festzustellen, welche Daten gerettet werden können. Bei schwerwiegenden logischen oder auch physikalischen Beschädigungen werden Datenträger in das Labor gesendet. Die Experten erstellen dort als erstes eine Bit für Bit identische Kopie (Image). Nur an der Kopie werden die Operationen der Datenrettung durchgeführt. Das Original bleibt in jedem Fall unberührt. Professionelle Labors und Reinräume wie die von Kroll Ontrack verfügen über eine Reihe von speziell entwickelten Werkzeugen und Technologien, um Daten wieder auszulesen. Diese Lösungen ermöglichen die Suche nach zentralen Verzeichnissen der Speicheradressen wie auch die manuelle Auslesung von Dateien im Hexadezimal-Code, um dann einzelne Dateien an ihrem typischen Aufbau wieder zu erkennen.

Langfristige Sicherung von Produktionsdaten

Der immer schneller vorangehende technische Fortschritt und der ständige Wechsel an Speicherhardware und Software setzen Unternehmen aber auch bei der langfristigen Sicherung von Produktionsdaten unter Druck. In einem Fall sollten Daten aus den fast 30 Jahre alten 9-Zoll-Bändern eines Harris Supermini Computers aus den beginnenden 1980er Jahren gerettet werden. Es ging um Konstruktionszeichnungen von Gasturbinen für ein großes Kraftwerk. Ein weiteres angefragtes Beispiel mag diese Problematik näher erläutern. In der Produktion – unter anderem von Maschinen und Flugzeugen – kamen in den 1980er Jahren für die Produktionssteuerungen Datenbanken zum Einsatz, die heute zur Technikgeschichte gehören. Die Datenbank und die dazugehörigen Softwareanwendungen steuerten im Zusammenspiel die gesamte Produktion, erstellten technische Zeichnungen, Stücklisten und Dokumentationsmaterial. Auch eine Versionenkontrolle war mit solchen Systemen durchaus möglich. Gespeichert wurde das Ganze dann auf damaligen 9-Zoll-Bändern für den HP 3000 Computer mit dem Betriebssystem MPE. Die Überspielung dieser Daten auf aktuelle Medien ist aber auch heute noch möglich. Was damals state of the art war, ist heute zwar ein Fall für IT-Archäologen und Konvertierungsexperten – der Aufwand lohnt aber, wenn alte Projekte wieder dokumentiert werden sollen. Das kann bei einem plötzlichen Gewährleistungsanspruch oder bei der Wiederaufnahme der Produktion schnell der Fall sein. Datenkonvertierung wird damit immer wichtiger und bietet die Möglichkeit auch solche Informationen auf aktuelle Datenträger und Softwareumgebungen zu sichern.

Produktionsdatensicherheit ist Expertensache

Datensicherheit spielt in der Industrie eine zentrale Rolle. Unternehmen müssen das Wissen um ihre Produktionsvorgänge sicher aufbewahren, dokumentieren und im Ernstfall schnell wieder retten können. Diese Aufgabe setzt profunde Kenntnis der unterschiedlichsten Datenträger und Organisationsweisen von Informationen in verschiedenen Betriebsumgebungen voraus. Experten können hier schnelle Hilfe leisten. Der Mehrwert ist letztlich die Aufrechterhaltung der Produktion und damit nicht nur die Rettung der Daten, sondern auch des Unternehmens.

Peter Böhret, Managing Director, Kroll Ontrack GmbH